Abendmusiken in der Predigerkirche
8. September 2013
   
     
     
     

Johann Pachelbel
ein perfecter und rarer Virtuose
ist – damals wie heute – einer der grossen, bekannten Namen der Musikgeschichte. 1)   Schon seine beachtliche Werkliste macht deutlich, dass da eine eminent schöpferische Persönlichkeit am Werk war. Seine wichtigsten Wirkungsstätten waren Nürnberg (sein Geburtsort) und Erfurt, im Zentrum Thüringens gelegen. Beide sind Städte mit einem ausgeprägten künstlerischen und kunsthandwerklichen Profil.

Die Tätigkeit in Thüringen, zunächst ein Jahr als Hoforganist in Eisenach, darauf von 1678 bis 1690 in Erfurt, verband Pachelbel mit der älteren Bach-Familie. Schon in Eisenach ergab sich Gelegenheit zum gemeinsamen Musizieren (Bachs Vater Johann Ambrosius war daran beteiligt); in Erfurt bezog er dann das Haus „Zur silbernen Tasche“, das dem Direktor der Stadtmusikanten, Johann Christian Bach, gehörte. Am Junkersand, nahe beim Flüsschen Gera, das Erfurt durchzieht, lagen mehrere Musikerhäuser und wir können uns vorstellen, dass Pachelbels Sohn Wilhelm Hieronymus, seine Tochter Amalia (die später als Malerin hervortrat), Johann Gottfried Walther und Kinder aus den Bach-Familien sich beim Spiel am Wasser vergnügten.

Pachelbel bekleidete das Organistenamt an der Predigerkirche, einer grossen gotischen Bettelordenskirche, die in ihrer optischen Erscheinung – wie die Abbildung zeigt – mit der Predigerkirche Basel nahe verwandt ist. Diese Kirche beherbergte bis weit ins 19. Jahrhundert hinein eine Tradition des Orgelspiels und der Orgelkomposition, die auf Pachelbels Stil basiert, später aber auch Elemente aus der Bach-Schule integrierte, dies besonders durch einen der letzten Bach-Schüler, Johann Christian Kittel (1732–1809). Kittels Lebensdaten sind identisch mit denen von Josef Haydn; dies lässt deutlich werden, wie stark eine solche thüringische Linie der Musikentwicklung gewesen sein muss, um neben der „grossen“ Wiener Sinfonik ihr Eigenleben zu bewahren.

1695 wurde Pachelbel an die Sebaldus-Kirche, die Hauptkirche seiner Vaterstadt Nürnberg berufen; sein Ruf war so gross, dass er sich keinem Auswahlverfahren stellen musste. Hier wirkte er die letzten elf Jahre seines Lebens. Nürnberg, die Stadt Albrecht Dürers braucht kaum näher vorgestellt zu werden. Die Traditionen der Künste und des Kunsthandwerks sind bei einem Rundgang – trotz der Verwüstungen des zweiten Weltkriegs – allgegenwärtig. Auch die Musik macht da keine Ausnahme: Namen wie Johann Staden, Johann Erasmus Kindermann, Johann Kaspar Wecker (Pachelbels Lehrer) repräsentieren eine Nürnberger Orgelschule („dass man kantabel setzen soll“, wie Pachelbels Schüler Buttstett diesen Stil charkterisiert hat) und eine bürgerlich-städtische Kultur besonderer Prägung. Die Dichter haben sich sogar in einer Vereinigung organisiert (in dem Pegnesischen Blumenorden). Offenbar gehören die grossbesetzten Werke des heutigen Programms Pachelbels Nürnberger Spätzeit an. Eigenartigerweise ist ein grosses Corpus dieser Vokalwerke in England überliefert, wohin es wohl durch einen Sohn Pachelbels gelangt ist. Dies mag ein Grund dafür sein, dass diese wunderbare Musik weitgehend unbekannt geblieben und erst durch die umfangreichen Forschungen von Katharina Larissa Paech und Thomas Röder heute wieder zugänglich ist. 2)

Gleich das Concerto „Lobet den Herrn in seinem Heiligthumb“, über die Worte des Psalms 150, wartet mit einer einzigartigen Klangpracht auf. Zwischen den Tutti-Abschnitten lässt sich Pachelbel durch den Psalmtext zu exquisiten Besetzungen anregen: Wo gibt es sonst die Kombination der Altstimme mit Posaune („Lobet Ihn mit Posaunen“)? Und so geht es weiter mit der Harfe, den Geigen und Pfeifen. Dass zum Text „Lobet Ihn mit Paucken und Trompeten“ gleich fünf Trompeten aufgeboten werden, war sicherlich für die Nürnberger Stadtmusiker eine Herausforderung!

In eine andere Welt tauchen wir mit dem Text „Meine Sünde[n] betrüben mich“ ein: das weiche Tremolo der tiefen Gamben ruft sogleich eine nachdenkliche Gestimmtheit wach. Doch – wie in vielen Bach-Kantaten – bleibt es nicht dabei: „Gottes Gnad erfreuet mich“ lässt mit einer Fuge in Es-Dur den Gegenpol aufleuchten. Noch zweimal werden die beiden Sphären c-Moll und Es-Dur eindrücklich konfrontiert. Ein Titelblatt bezeichnet den Komponisten Aut.[or] Bachelbel. Erfurt; das Werk ist somit vor 1690 entstanden.

Vergeh doch nicht, du armer Sünder“, ein Geistliches Konzert für Tenor, Violine, drei Gamben und B.c., bedient sich der altertümlichen Gliederung durch ein wiederkehrendes (instrumentales) Rittornello. Doch sind die vokalen Abschnitte nicht einfache Strophen, sondern vielfältig ausgestaltet, immer wieder den Text durch musikalische Mittel unterstreichend. Die solistische Führung der Violine, gestützt durch den Gambenklang, zudem die Einfügung der instrumental vorgetragenen Choralmelodie „Auf meinen lieben Gott trau ich in Angst und Not“ erinnert an ähnliche Werke der beiden Brüder Johann Christoph und Johann Michael Bach, mithin an den Erfurter Kreis.

Die Ciacona in C, als Werk für ein Tasteninstrument erhalten, erklingt in einer Version für Harfe und Orgel. Von solchen Freiheiten hat die Barockzeit regen Gebrauch gemacht; erfreulicherweise hat die heutige Aufführungspraxis – dem damaligen Vorbild folgend – die Freude an Bearbeitungen zurückgewonnen!

Das abschliessende Magnificat schlägt den Bogen zum „Trompetenfest“ des Beginns. Kaum ein anderer Komponist hat den Lobgesang Mariens mit so zahlreichen Kompositionen bedacht wie Pachelbel; neben den 13 Vokalkompositionen wären hier auch die organistischen Magnificat-Fugen, alternierend mit einstimmigem Choralgesang vorzutragen, zu nennen. Es scheint, dass alle diese Werke für die Gottesdienste der Sebaldus-Kirche in Nürnberg bestimmt waren. 3)   Das Magnificat PWV 1502 präsentiert jeden Textabschnitt mit eigener Besetzung und individueller Themengestaltung, eindrücklich etwa, wie aus der Niedrigkeit der Magd die Aussage omnes generationes im vollstimmigen Klang herauswächst.

Pachelbels musikalische Sprache atmet eine grosse Klassizität; sein Eingehen auf die Texte ist massvoll, Experimente und „affekthaftes Pathos“ 4)  sind nicht seine Sache. So vergleicht Peter Wollny seinen Stil mit demjenigen von Arcangelo Corelli (1653–1713), der in ähnlicher Art den musikalischen Satz des ausgehenden 17. Jahrhundert vollendet formuliert hat. Nur von wenigen älteren Komponisten haben sich Äusserungen zu ihrer Musik erhalten. Von Johann Pachelbel sagt uns das Vorwort zu seinem Hexachordum Apollinis (1699), einem Variationswerk für Tasteninstrument, dass er seine Musik vor dem Hintergrund der himmlischen Musik sieht, der Musik, die von den Engeln „im ewigen Hofe“ gesungen und gespielt wird (siehe dazu die Abbildung). Zwar spricht er dann auch von den Affekten, die durch die Musik erregt oder gemässigt werden können. Aber schliesslich berichtet er von der seit der Antike tradierten Ansicht, dass die Gestirne mit ihren proportionierten Bahnen eine Sphärenharmonie erzeugen, dass also die Musik ein Abbild der kosmischen Ordnung darstelle. Pachelbels Musik lässt etwas von dieser Weite erahnen. Man mag seinen Stil schlichter finden als die phantasievolle Welt der Norddeutschen, doch ist seine Musik der Spiegel einer Persönlichkeit, die vor über drei Jahrhunderten die christliche Botschaft auf ihre Weise in Töne gefasst hat.

Jean-Claude Zehnder

 

 

1. Die Werke für Orgel und Klavier, mitsamt wichtigen biographischen Dokumenten, wurden in drei Bänden der Denkmäler deutscher Tonkunst und der Denkmäler der Tonkunst in Österreich kurz nach 1900 gedruckt. Das Vokalwerk blieb lange im Hintergrund (siehe dazu unten).

2. Die im Entstehen begriffene Gesamtausgabe des Vokalwerks ist auf 11 Bände veranschlagt. Die kritische Gesamtausgabe der Werke für Tasteninstrumente durch Michael Belotti (Freiburg i. Br.) umfasst momentan 7 Bände, weitere 5 sind in Arbeit.

3. Katharina Larissa Paech, Einführung zum Band Magnificat I der Gesamtausgabe der Vokalwerke, Kassel 2009.

4. Franz Krautwurst über die Nürnberger Schule, MGG 9, Spalte 1756.